Im Pazifik könnte sich bis Ende 2026 ein außergewöhnlich starkes El-Niño-Ereignis entwickeln. Experten prognostizieren, dass dies zu mehr Extremwetter und neuen Temperaturrekorden führen wird – mit weitreichenden Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise und das Klima in Europa.
Das nächste bedeutende Klimaphänomen kündigt sich im Pazifik an: Ein potenziell starker El Niño könnte bis 2026 in Erscheinung treten und das globale Wettergeschehen erheblich beeinflussen. Derzeit dominieren noch die schwachen La-Niña-Bedingungen, die kühlere Phase des natürlichen Klimazyklus. Diese Phase löst sich jedoch überraschend schnell auf, warnen Klimaforscher weltweit.
Die Hinweise auf einen bevorstehenden El Niño verdichten sich: Laut der US-Klimabehörde NOAA liegt die Wahrscheinlichkeit für ein El-Niño-Ereignis im Zeitraum von Mai bis Juli 2026 bei etwa 82 Prozent. Ein Umschwung im tropischen Pazifik gilt somit als sehr wahrscheinlich, auch wenn Zeitpunkt und Stärke des Ereignisses weiterhin ungewiss sind.
El Niño könnte bereits diesen Sommer eintreten
Aktuelle Messdaten zeigen, dass sich der zentrale und östliche tropische Pazifik weiter erwärmt. Besonders auffällig ist die kontinuierliche Erwärmung des Wassers in den oberen 300 Metern des Ozeans, was als wichtiger Frühindikator für die Entwicklung eines El Niño gilt. Der Niño-3.4-Index liegt mittlerweile bei +0,4 Grad und damit leicht über dem langjährigen Durchschnitt.
Während die Entstehung eines El Niño als zunehmend wahrscheinlich erachtet wird, bleibt die entscheidende Frage offen: Wie stark wird das Ereignis?
Nach den Auswertungen der NOAA liegt die Wahrscheinlichkeit für ein „sehr starkes“ El Niño derzeit bei etwa einem Drittel. Andere Szenarien – von schwach bis moderat oder stark – sind ähnlich wahrscheinlich. Ein sogenannter „Super-El Niño“ kann zwar nicht ausgeschlossen werden, ist jedoch keineswegs garantiert.
Die Möglichkeit eines Super-El-Niño
Klimaforscher betonen, dass die Unsicherheiten in den Modellen derzeit vor allem auf die atmosphärischen Bedingungen zurückzuführen sind.
„Die stärksten El-Niño-Ereignisse entstehen dann, wenn sich Atmosphären- und Ozeanzustand gegenseitig verstärken“,
erklärt Dr. Johanna Baehr, Leiterin der Forschungsgruppe Klimamodellierung am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg.
„Entscheidend wird die Entwicklung dieses Zusammenspiels im Sommer sein. Während sich die Entwicklung des Ozeans bereits jetzt vergleichsweise gut vorhersagen lässt, ist es für belastbare Aussagen zur Atmosphäre noch zu früh.”
Die atmosphärischen Prozesse sind nur begrenzt vorhersagbar, so Baehr weiter.
„Deshalb bleiben Unsicherheiten bestehen – insbesondere bei der Frage, wann ein solches El-Niño-Ereignis genau einsetzt und wie stark es ausfallen wird.”
Globale Temperaturrekorde und ihre Auswirkungen
Besonders besorgniserregend ist die aktuelle globale Ausgangslage: Die Oberflächentemperaturen vieler Ozeanregionen sind derzeit ungewöhnlich hoch – nicht nur im Pazifik, sondern auch im Nordpazifik, Nordatlantik und rund um Europa im Mittelmeerraum.
Nach Einschätzung von Klimaforschern könnte ein sich entwickelnder El Niño die bereits hohen globalen Temperaturen zusätzlich verstärken. Typischerweise führt dies zu einem kurzfristigen Anstieg der globalen Mitteltemperatur um etwa 0,1 bis 0,2 Grad, da weniger Wärme im tropischen Pazifik gespeichert wird und stärker in die Atmosphäre gelangt.
Wie stark könnte der El Niño werden?
Zusätzlich zur wahrscheinlichen Entwicklung eines El Niño zeigen einige Modellstudien auch Szenarien eines besonders kräftigen Ereignisses. Analysen von Klimamodellen, unter anderem von Zeke Hausfather von der University of California, Berkeley, basieren auf umfangreichen Ensemble-Auswertungen mit mehreren hundert Simulationen. Diese deuten darauf hin, dass ein starker bis sehr starker El Niño möglich ist, jedoch bleibt die Spannbreite der Ergebnisse groß.
Wichtig ist, dass diese Modellrechnungen mögliche Entwicklungen beschreiben und keine konkreten Vorhersagen darstellen. Fachleute betonen, dass die tatsächliche Stärke erst im Verlauf des Sommers und Herbstes 2026 verlässlicher eingeschätzt werden kann, wenn sich das Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre besser entwickelt hat.
Globale Auswirkungen eines starken El Niño
Ein starker El Niño wirkt wie ein Verstärker für Extremwetter weltweit:
- Südamerika: Zunahme von Starkregen, Überschwemmungen und Erdrutschen
- Australien & Südostasien: Erhöhtes Risiko für Dürren und Brände
- Ostafrika: Steigende Gefahr von Ernteausfällen
- Nordamerika: Veränderte Sturm- und Niederschlagsmuster
Auch Europa wird die indirekten Effekte spüren. Besonders im westlichen Mittelmeerraum, also in Ländern wie Frankreich, Spanien oder Italien, könnten ab Sommer verschobene Tiefdruckgebiete zu stärkeren Niederschlägen führen, gefolgt von höheren Temperaturen im Herbst. Deutschland selbst dürfte voraussichtlich keine drastischen Wetterextreme erleben, die Wintertemperaturen bleiben weitgehend im normalen Bereich.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen könnten jedoch global spürbar sein: Gestörte Lieferketten könnten die Preise für Kaffee, Kakao oder Zucker in die Höhe treiben, da Ernteausfälle in Südamerika, Afrika oder Südostasien die Versorgung belasten. Gleichzeitig steigt das Risiko für Fluchtbewegungen aus besonders betroffenen Regionen.
Ein angespanntes Warten auf die Entwicklungen
Klimaforscher betonen, dass ein El Niño inzwischen als wahrscheinlich gilt, seine konkrete Stärke jedoch noch ungewiss ist. Entscheidend wird sein, wie sich das Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre in den kommenden Monaten entwickelt. Gerade diese Kopplung gilt als schwer vorhersagbar und ist der Hauptgrund für die große Spannbreite möglicher Szenarien.
Quellen: Focus