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Künstliche Intelligenz Claude Mythos: Eine Bedrohung für Banken und das Finanzsystem?

Das KI-Modell Claude Mythos von Anthropic entdeckt Software-Schwachstellen schneller als je zuvor und könnte damit zu einem erheblichen Risiko für Banken und das globale Finanzsystem werden. Experten warnen vor möglichen Cyberangriffen, die die Stabilität der Finanzmärkte gefährden könnten.

Künstliche Intelligenz Claude Mythos: Eine Bedrohung für Banken und das Finanzsystem?
KI-generiert

Künstliche Intelligenz Claude Mythos: Eine Bedrohung für Banken und das Finanzsystem?

Das KI-Modell Claude Mythos des Unternehmens Anthropic entdeckt Softwareanfälligkeiten in Rekordgeschwindigkeit. Ein möglicher Missbrauch könnte Cyberangriffe begünstigen. Banken und Aufsichtsbehörden zeigen sich besorgt: Ist das Finanzsystem so verwundbar wie nie zuvor?

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Eine Analyse von Angela Göpfert, ARD-Finanzredaktion

Auf den ersten Blick mag es sich um ein Thema handeln, das vor allem IT-Experten interessiert: Eine neue Künstliche Intelligenz identifiziert Schwachstellen in Software schneller als je zuvor. Doch im Kontext des globalen Finanzsystems könnte dies zu einem erheblichen Stabilitätsrisiko führen. Banken, Börsen, Zahlungsdienstleister und Versicherungen sind auf funktionierende und sichere Software angewiesen.

Wenn Künstliche Intelligenz Sicherheitslücken schneller aufspürt, besteht die Gefahr, dass diese auch von Kriminellen zügiger ausgenutzt werden. Experten warnen bereits vor einem systemischen Risiko für das globale Finanzsystem.

Claude Mythos: Ein neues KI-Modell mit weitreichenden Folgen

Auslöser dieser Diskussion ist Claude Mythos, das neueste KI-Modell des US-Unternehmens Anthropic. In Testläufen soll es bereits Tausende von kritischen Sicherheitsanfälligkeiten, sogenannte Zero-Days, entdeckt haben, die zuvor über Jahre hinweg unentdeckt blieben. Darüber hinaus ist es in der Lage, eigenständig komplexe Cyberangriffe zu programmieren.

Unternehmen wie Anthropic, OpenAI und SpaceX gelten als die neuen Stars im Bereich der Künstlichen Intelligenz.

Warnungen der Aufsichtsbehörden

Die Europäische Zentralbank (EZB) betrachtet diese Entwicklungen als ernsthafte Bedrohung für das Finanzsystem und hat kürzlich ein Nottreffen europäischer Banken einberufen. Der Financial Stability Board (FSB), der zentrale internationale Aufseher für Finanzstabilität der G20, spricht von „neuen und fortgeschrittenen Risiken für die globale Finanzstabilität“.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in KI-Modellen wie Mythos eine Gefahr für das globale Finanzsystem und warnt vor einem „potenziellen makrofinanziellen Schock“. Laut einer Analyse des IWF könnten gravierende Verluste durch Cybervorfälle zu Finanzierungsengpässen führen, das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit von Institutionen erschüttern und breitere Marktverwerfungen nach sich ziehen.

Die Gefahren eines Angriffs auf SWIFT

Es ist vorstellbar, dass ein so mächtiges KI-Modell wie Mythos die globale Bankinfrastruktur ins Visier nimmt, insbesondere das zentrale Nachrichtensystem SWIFT, über das Banken weltweit Zahlungsaufträge und Finanznachrichten sicher austauschen.

Die potenziellen Schäden wären enorm. Angreifer könnten Zahlungsströme in Milliardenhöhe manipulieren und das Vertrauen in Banken sowie das gesamte Finanzsystem erheblich gefährden. Anthropic selbst hält seine neue KI für zu gefährlich und hat sie bislang weitgehend unter Verschluss, plant jedoch, sie in den kommenden Wochen für alle Kunden zugänglich zu machen.

Project Glasswing: Schutz kritischer IT

Bislang haben nur ausgewählte Unternehmen und Organisationen im Rahmen von „Project Glasswing“ kontrollierten Zugriff auf Claude Mythos. Dazu zählen unter anderem Amazon, Microsoft, Apple, Google, Nvidia und JPMorgan Chase. Ziel ist es, Sicherheitsanfälligkeiten in kritischen Software-Infrastrukturen schneller zu identifizieren und zu beheben.

Experten bezeichnen Mythos als klassische „Dual-Use-Technologie“: Das neue KI-Modell ist sowohl eine potenzielle Cyberwaffe als auch ein effektives Werkzeug zur Abwehr von Cyberangriffen.

Europäische Banken ohne Zugang

Die EU-Behörde für Cybersicherheit (ENISA) soll ebenfalls Zugang zum KI-Modell Mythos erhalten, jedoch müssen die konkreten Bedingungen noch ausgehandelt werden. Bis dahin bleiben europäische Banken außen vor, obwohl Experten betonen, dass sie jetzt aktiv werden müssen.

Banken im Euroraum sollten verstärkt in Cybersicherheit investieren, ist Luis de Guindos überzeugt. „Wir müssen das Bewusstsein der Finanzinstitute schärfen, dass zusätzliche Investitionen in Cybersicherheit erforderlich sind“, betont der scheidende EZB-Vizepräsident.

Schnelles Schließen von Sicherheitslücken erforderlich

Experten heben die Bedeutung der sogenannten „Patch-Gaps“ hervor, also der Zeitspanne zwischen dem Auffinden und dem Schließen einer Sicherheitsanfälligkeit. In der Vergangenheit ließen sich Banken oft Wochen Zeit, was in der neuen Ära der Künstlichen Intelligenz Cyberkriminellen Tür und Tor öffnen könnte.

Für die Banken bedeutet dies, dass sie mehr in Personal investieren müssen: „Banken müssen jetzt mehr Geld ausgeben, um Mitarbeiter einzustellen, die diese Lücken möglichst schnell schließen“, betont Daniel Kröger, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter DWS.

Der schrumpfende Zeitvorsprung der Verteidiger

Die Zeit drängt: Es geht nicht nur um Anthropic und Claude Mythos, sondern auch um vergleichbare KI-Modelle, die möglicherweise bald kriminellen Akteuren oder Nationalstaaten wie Russland und China zur Verfügung stehen könnten.

Logan Graham, Leiter des führenden IT-Sicherheitsteams von Anthropic, warnte im US-Magazin Wired: „Wir müssen uns jetzt auf eine Welt vorbereiten, in der diese Fähigkeiten in 6, 12, 24 Monaten weit verbreitet sein werden.“

KI als Stresstest für Banken und Aufsichtsbehörden

Das KI-Modell Mythos von Anthropic ist ein Weckruf für Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden. Die Stabilität des globalen Finanzsystems steht auf dem Spiel. Die Finanzkrise von 2008 hat bereits gezeigt, dass oft schon ein Gerücht über die Schwierigkeiten einer Bank ausreicht, um große Marktverwerfungen auszulösen.

Die unerwarteten Fähigkeiten von Claude Mythos sind ein Signal, die Verteidigung zu verstärken – und das so schnell wie möglich. Europäische Banken müssen darauf achten, nicht ins Hintertreffen zu geraten: Project Glasswing verschafft US-Institutionen derzeit einen Zeitvorsprung beim Schließen von Sicherheitsanfälligkeiten.

Internationale Kooperationen zwischen KI-Entwicklern, Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden sind jetzt wichtiger denn je, da Cyberkriminalität keine Grenzen kennt – ebenso wenig wie Finanzkrisen.

Angela Göpfert, HR Frankfurt, tagesschau, 01.06.2026 • 16:47 Uhr


Quellen: tagesschau, Der Spiegel

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