„In Trumps Augen ist amerikanische Geschichte immer großartig“
Am 4. Juli 1776 erklärten 13 nordamerikanische Kolonien ihre Unabhängigkeit von Großbritannien, während der Unabhängigkeitskrieg bereits über ein Jahr wütete. Michael Hochgeschwender, Historiker am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München, erläutert in einem Interview die vielschichtige Natur dieser Revolution. Er betrachtet die Mythologisierung der Gründerväter, die Rolle der hessischen Söldner und die Geschichtsauffassung von US-Präsident Donald Trump, der ein „rosarot gefärbtes, prorevolutionäres Narrativ“ propagiert, um einen neuen Patriotismus zu fördern.
Revolution oder nicht?
ntv.de: Im Englischen wird der Unabhängigkeitskrieg als „Revolutionary War“ bezeichnet. War es tatsächlich eine Revolution?
Michael Hochgeschwender: Das ist eine komplexe Frage, die von der Definition von Revolution abhängt. Im marxistischen Sinne, wo eine Gruppe die Gesellschaftsordnung grundlegend verändern möchte, war es keine Revolution. Aus der Sicht der amerikanischen Revolutionäre war es jedoch eine Revolution auf mehreren Ebenen: politisch im Kampf gegen das britische Mutterland, ideengeschichtlich durch die Einführung des Prinzips der Volkssouveränität und einen neuen Freiheitsbegriff. Zudem gab es eine soziale Revolution durch die Enteignung von Loyalisten, die auf Seiten der Krone standen, was Teile der Elite ausschloss.
Bürgerkrieg und weitere Konflikte
ntv.de: War es also auch ein Bürgerkrieg?
Michael Hochgeschwender: Ja, zwischen Loyalisten und Revolutionären. Darüber hinaus gab es zwei weitere Revolutionen: die der schwarzen Sklaven, die die Plantagen verließen und zu den Briten überliefen, sowie die Auseinandersetzungen der Revolutionäre mit den indigenen Völkern, von denen viele auf Seiten der Krone standen.
Die unvollendete Nation
ntv.de: Sie beschreiben die USA als „unvollendete Nation“. Was meinen Sie damit?
Michael Hochgeschwender: Ein Land, in dem 80 Jahre nach der Unabhängigkeit ein Bürgerkrieg ausbricht, hat offensichtlich interne Probleme. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen dem industrialisierten Norden und dem agrarisch geprägten Süden mit seiner Sklaverei ist ein Beispiel dafür. Diese Strukturprobleme führten zu Konflikten über Zollpolitik, Verfassungsinterpretationen und den Umgang mit Migranten, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zuspitzten und letztlich zum Bürgerkrieg führten.
Ambivalente nationale Identität
ntv.de: Sind diese Konflikte heute nicht gelöst, wie etwa in der Migrationspolitik?
Michael Hochgeschwender: Ein Teil dieser Konflikte besteht weiterhin. Die USA waren von Anfang an keine ethnisch und kulturell homogene Nation, trotz des Übergewichts der britischen Bevölkerung. Die nationale Identität musste über Symbole und Erzählungen konstruiert werden, was bis heute zu einer gewissen Ambivalenz führt.
Mythos der Gründerväter
ntv.de: In Ihrem Buch kritisieren Sie bestimmte Mythen. Welche stören Sie besonders?
Michael Hochgeschwender: Es gibt mehrere, wie die Mythifizierung der Gründerväter, die nach der Revolution begann. Diese Figuren werden oft als einheitlich und moralisch überlegen dargestellt, obwohl es erhebliche Spannungen zwischen ihnen gab, etwa zwischen John Adams und Thomas Jefferson. Zudem wird die Revolution oft mit Freiheit und Gleichheit assoziiert, jedoch waren diese Konzepte nicht für alle gedacht. Sklaven und Frauen wurden ausgeschlossen, und Rassismus sowie Ausgrenzung gehören zu den Gründungsproblemen der USA, was bis heute teilweise geleugnet wird.
Trumps Geschichtsverständnis
ntv.de: Unter Präsident Donald Trump scheint sich diese Verdrängung zu verstärken.
Michael Hochgeschwender: Das zeigt sich in seinen Bemühungen, das Geschichtsbild in Museen und Ausstellungen zu beeinflussen. Die Sklaverei wird oft als unwichtig dargestellt, und es wird nicht darüber gesprochen. Zudem wird den Gründervätern eine Gläubigkeit zugeschrieben, die nicht für die Eliten galt, sondern eher für die evangelikalen Massen.
Die 1776-Kommission
ntv.de: Trump hat die 1776-Kommission gegründet, um die Geschichtsdarstellung zu beeinflussen. Was ist sein Ziel?
Michael Hochgeschwender: Er möchte ein „wokes Geschichtsverständnis“ der Liberalen zurückdrängen und stattdessen ein prorevolutionäres Narrativ etablieren, das einen neuen Patriotismus fördern soll. In Trumps Augen ist die amerikanische Geschichte immer großartig, außer wenn Liberale an der Macht sind. Dies ist ein anti-intellektuelles und wissenschaftsfeindliches Geschichtsverständnis.
Patriotismus im Geschichtsunterricht
ntv.de: Bei Teilen der Bevölkerung kommt er damit offenbar gut an.
Michael Hochgeschwender: Das liegt daran, dass viele von ihnen in der Schule ein ähnliches Bild vermittelt bekommen haben. Der Geschichtsunterricht fördert oft ein patriotisches Denken, das die USA als überlegen darstellt und die eigenen Kriege als gerechtfertigt ansieht. Dies führt zu Problemen, etwa im Hinblick auf den Vietnamkrieg oder den Iran-Krieg.
Die Boston Tea Party und ihre Bedeutung
ntv.de: Ein bekannter Mythos ist die Boston Tea Party. War der Steuerstreit tatsächlich der wichtigste Grund für den Unabhängigkeitskrieg?
Michael Hochgeschwender: Bei der Boston Tea Party ging es um Abgaben, nicht um Steuern. Der eigentliche Auslöser war die Stamp-Act-Krise von 1765, als die Briten von den Kolonien eine Beteiligung an der Verteidigung des Empire forderten. Die Amerikaner waren bereit, Steuern zu zahlen, wenn sie im Parlament in London vertreten wären, was jedoch nie der Fall war.
Der Weg zur Unabhängigkeitserklärung
ntv.de: Warum dauerte es mehr als ein Jahr bis zur Unabhängigkeitserklärung?
Michael Hochgeschwender: Es gab erhebliche Bedenken. Die Kolonisten glaubten, sie kämpften nicht gegen den König, sondern gegen ein übergriffiges Londoner Parlament. Loyalitätseide auf den Monarchen hielten viele davon ab, für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Erst im Frühjahr 1776 wurde die Propaganda gegen den britischen König verstärkt, was zur Einigung des Kontinentalkongresses auf die Unabhängigkeit führte.
Politische Unklarheiten nach dem Krieg
ntv.de: Die Unabhängigkeit wurde erklärt, ohne eine Verfassung zu haben. Wussten die Amerikaner nicht, was sie wollten?
Michael Hochgeschwender: Es gab 1781 die Articles of Confederation, die eine schwache Zentralregierung vorsah. Die einzelnen Kolonien sahen sich als souveräne Staaten und mussten erst klären, wie die zukünftige Ordnung aussehen sollte.
Die Rolle der Nation
ntv.de: Ging die Gesellschaft als Nation aus dem Krieg hervor?
Michael Hochgeschwender: Der Begriff Nation war den Amerikanern zunächst fremd; sie sprachen eher von einer Union. Der Bürgerkrieg drehte sich um das richtige Verständnis dieser Union. Erst Abraham Lincoln sprach ab 1863 konsequent von einer Nation, was den Beginn der Ära des Nationalstaats in den USA markierte.
Militärische Uneinheitlichkeit
ntv.de: Auch militärisch waren die Kolonien nicht geeint. Wurde das militärische Vorgehen dadurch erschwert?
Michael Hochgeschwender: Ja, die Debatte über eine professionelle stehende Armee versus Milizen war lange umstritten. George Washington setzte sich für eine professionelle Armee ein, während die Einzelstaaten auch Milizen unterhielten.
George Washingtons Rolle
ntv.de: War George Washington als Befehlshaber der Kontinentalarmee eine zentrale Figur?
Michael Hochgeschwender: Ja, er war die zentrale Figur und ein geschickter Propagandist. Washington inszenierte sich als demütiger Diener des Staates und war in der Lage, seine Truppen strategisch zurückzuziehen, was unter den damaligen Bedingungen eine Kunst war. Die französische Unterstützung war ebenfalls entscheidend für den Ausgang des Krieges.
Die Rolle der hessischen Söldner
ntv.de: Waren die hessischen Truppen so brutal, wie es der amerikanische Propagandaspruch „Die Hessen kommen“ suggeriert?
Michael Hochgeschwender: Nein, die Erzählungen über brutale Hessen begannen bereits vor ihrer Ankunft. Sie waren disziplinierte und erfahrene Truppen, die in geordneten Feldschlachten schwer zu besiegen waren. Die Schlacht von Trenton verloren sie nur, weil sie überrascht wurden.
Indigene Völker im Krieg
ntv.de: Welche Rolle spielten die indigenen Völker im Unabhängigkeitskrieg?
Michael Hochgeschwender: Die indigenen Völker kämpften je nach Region unterschiedlich. Je weiter sie von den Siedlungen entfernt waren, desto mehr fürchteten sie die Expansion der Kolonien und tendierten dazu, sich auf die Seite der Briten zu stellen. Innerhalb der Stämme gab es jedoch auch Konflikte über die Kriegsteilnahme.
Der Frieden von Paris und die Nachwirkungen
ntv.de: Der Krieg endete 1783 mit dem Frieden von Paris. Wie war das Verhältnis zwischen den USA und Großbritannien zu dieser Zeit?
Michael Hochgeschwender: Es war ambivalent. Ein Teil der Revolutionäre war eng mit dem britischen Handelsnetz verbunden, während andere sich eher an Frankreich orientierten. Die Briten unternahmen wenig, um die Amerikaner zu unterstützen, lieferten jedoch Geld und Waffen an indigene Stämme und hielten Festungen auf amerikanischem Boden.
Mit Michael Hochgeschwender sprach Markus Lippold.
Quellen: n-tv
Bildquelle: Bildquelle: Steven Abraham auf Unsplash