Steht das Vereinigte Königreich vor einer politischen Zäsur?
17.05.2026, 10:58 Uhr
Nigel Farage, der Vorsitzende von Reform UK, hat sich zum Ziel gesetzt, im Jahr 2029 britischer Premierminister zu werden. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer politischen Krise, die das Vereinigte Königreich in eine ungewisse Zukunft führt.
Die Ministerpräsidentin von Nordirland, Michelle O’Neill, bezeichnete die aktuellen Entwicklungen als „Moment epochalen Wandels“. Sie betonte, dass dies ein klares Zeichen dafür sei, dass die Zeit von Westminster für die Menschen in Nordirland sowie in Schottland und Wales zu Ende gehe. Die Ergebnisse der britischen Regionalwahlen unterstützen diese Einschätzung: Könnte das Vereinigte Königreich nach über 100 Jahren in seiner jetzigen Form tatsächlich auseinanderbrechen?
Die Labour-Partei unter Premierminister Keir Starmer hat bei den Wahlen erhebliche Verluste erlitten. Überraschenderweise profitierten nicht die konservativen Tories, die traditionell die Hauptkonkurrenten von Labour sind, sondern vor allem die Parteien an den Rändern des politischen Spektrums. Reform UK, die Partei von Farage, konnte bei den Kommunalwahlen in England signifikante Stimmengewinne verzeichnen, während in Schottland und Wales linke Unabhängigkeitsparteien die stärksten Kräfte wurden.
Keir Starmer kämpft um sein politisches Überleben
Die Unabhängigkeitsfrage spielte im Wahlkampf eine untergeordnete Rolle. Stattdessen dominierten Themen wie Wirtschaft, Migration, Sicherheit, Bildung und Gesundheit. Viele Wählerinnen und Wähler wollten Premierminister Starmer und der Labour-Partei eine Lektion erteilen, was sich in den Wahlergebnissen widerspiegelt.
Umfragen zeigen, dass die Wähler mehrheitlich für nationalistische Parteien stimmten, was nicht unbedingt den Wunsch nach einem Ende des Vereinigten Königreichs signalisiert. Dennoch könnte der Denkzettel für Starmer das Land auf einen gefährlichen Kurs bringen. „Wir könnten auf eine Rolltreppe treten, die zum Bruch der britischen Union führt“, beschreibt ein Wirtschaftsmagazin die Situation.
Überraschenderweise ist nicht nur die Unabhängigkeitsbewegung in Schottland und Nordirland von Bedeutung, sondern auch die Ergebnisse der Kommunalwahlen in England. Der Sieg von Reform UK gibt Farage die Möglichkeit, den Druck auf die Labour-Partei zu erhöhen. Er hat das Ziel, Premierminister zu werden und setzt Starmer damit unter Druck.
Ein historischer Wandel in der britischen Politik
Farage könnte erst in drei Jahren die Macht übernehmen, da die nächste Wahl zum britischen Unterhaus für den Sommer 2029 angesetzt ist. Sollte er tatsächlich Premierminister werden, wäre er der erste Regierungschef ohne Mitgliedschaft in Labour oder den Tories seit der Gründung der Union im Jahr 1922. Farage äußerte sich optimistisch: „Wir erleben einen wirklich historischen Wandel in der britischen Politik. Wir haben ein Drittel der offenen Sitze gewonnen, aber ich glaube, dass das Beste erst noch kommt.“
Die regierenden Nationalisten in Nordirland, Schottland und Wales haben jedoch eine andere Vorstellung von „dem Besten“ als Farage. Sollte Reform UK in den kommenden drei Jahren die landesweiten Umfragen anführen, könnte die Unterstützung für nationalistische Parteien und deren Abspaltungspläne zunehmen.
Schottland und Nordirland haben sich gegen den Brexit ausgesprochen. „Wenn das Brexit-Aushängeschild in der Downing Street sitzt, könnte die Unabhängigkeit unaufhaltsam erscheinen“, wird in einem Bericht gewarnt.
Nigel Farage auf dem Weg zur Downing Street
In Nordirland fanden in diesem Jahr keine Wahlen statt; die nächste Abstimmung ist für 2027 geplant. Sinn Féin, die stärkste Kraft im Parlament, strebt eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland an. Ein Referendum könnte durch Farages Erfolge wahrscheinlicher werden.
In Schottland regiert seit 2007 die Schottische Nationalpartei (SNP). Bei den letzten Wahlen hat die SNP ihre Mehrheit verteidigt, jedoch mit erheblichen Verlusten. Der Parteichef John Swinney kommentierte den Wahlsieg und betonte die Dringlichkeit der Unabhängigkeit: „Der Weg nach vorne muss in Schottland gefunden werden. Die Ergebnisse im gesamten Vereinigten Königreich verdeutlichen, warum das Bedürfnis nach Unabhängigkeit so dringend ist.“
Er warnte, dass Großbritannien bald einen Premierminister haben könnte, „der offen feindlich gegenüber Minderheitengruppen ist und die Privatisierung des NHS sowie die Abschaffung des schottischen Parlaments fordert“. Swinney forderte eine Einigung in Schottland, um sicherzustellen, dass das Parlament nicht unter Farage leidet.
Reform UK in Schottland und Wales auf dem Vormarsch
Ähnliche Wahlergebnisse wie in Schottland wurden auch in Wales erzielt, wo Reform UK ebenfalls den zweiten Platz belegte. Hier hat Labour nicht nur nach rechts, sondern auch nach links verloren, während die Nationalisten von Plaid Cymru mit über 35 Prozent die Wahl gewannen.
Insgesamt bedeutet dies, dass drei der vier Nationen des Vereinigten Königreichs nun von Unabhängigkeitsparteien regiert werden, was das Ende der jahrhundertealten Union bedeuten könnte. Die Unabhängigkeitsparteien in Wales, Schottland und Nordirland könnten als linke Antipoden zu Reform UK weiter an Einfluss gewinnen, während die traditionellen Kräfte, Labour und die Tories, an Bedeutung verlieren.
George Foulkes, ein ehemaliger Minister in Schottland, warnte, dass Großbritannien „schlafwandelnd auf das Ende des Vereinigten Königreichs zusteuert“. „Sobald diese Dinge einmal in Schwung kommen, sind sie schwer aufzuhalten“, sagte er.
Das Vereinigte Königreich erlebt einen „Moment epochalen Wandels“.
Quellen: n-tv, boersen-kurier
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