Am 24. Juni 2026 erschütterten zwei starke Erdbeben den Norden Venezuelas, wobei der Bundesstaat La Guaira, nördlich von Caracas, am schwersten betroffen war. Laut offiziellen Angaben der venezolanischen Regierung sind mittlerweile über 3.500 Menschen ums Leben gekommen, während mehr als 16.000 Verletzte zu beklagen sind. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge werden noch zehntausende Personen vermisst.
Die Erdbeben trafen Venezuela in einer ohnehin angespannten politischen und wirtschaftlichen Situation. Im Januar 2026 wurde der autoritäre Machthaber Nicolás Maduro während einer Militäroperation von den USA gefangen genommen. Seither hat Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Kontrolle über das Land übernommen. Viele Venezolaner hegen die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen und politischen Neuanfang sowie auf freie Wahlen. Die jüngsten Erdbeben haben diese Hoffnungen jedoch stark gedämpft und stellen einen Stresstest für die neue Regierung dar.
Erdbeben mit verheerenden Folgen
Die Naturkatastrophe hat verheerende Auswirkungen auf die Infrastruktur des Landes. Schätzungen der US-Raumfahrtbehörde NASA zufolge sind mehr als 58.000 Gebäude beschädigt oder zerstört worden. Viele Menschen sind obdachlos und leben in Notunterkünften, die oft keinen Zugang zu sauberem Wasser bieten und unter schlechten sanitären Bedingungen leiden. Dies könnte die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen.
Schlechtes Krisenmanagement fördert die Wut
Die Wut in der Bevölkerung wächst, da die Beben die Unzulänglichkeiten des Staates offenbaren. Phil Gunson von der Crisis Group Venezuela äußerte, dass der Regierung in dieser Krisensituation die notwendige Führung und Koordination fehle. Auch die Hilfsorganisation Caritas International kritisierte das Krisenmanagement der Übergangsregierung als „Desaster“. Hilfskräfte würden behindert, während zivile Helfer oft auf sich allein gestellt sind und die Behörden überfordert wirken.
Nach dem Beben wurde die am schwersten betroffene Region La Guaira teilweise vom Militär abgeriegelt, um Rettungsfahrzeuge zu schützen. Freiwillige Helfer müssen sich registrieren, um Spenden und Unterstützung anzubieten, doch die Registrierungsstellen sind häufig geschlossen. Zudem fehlt es vor Ort an schwerem Gerät zur Trümmerbeseitigung.
Rückschlag für eine bereits marode Wirtschaft
Die Erdbeben treffen Venezuela in einer bereits schwierigen wirtschaftlichen Lage. Obwohl Übergangspräsidentin Rodríguez den Ölsektor für internationale Unternehmen geöffnet hat, sind die Förderanlagen des Landes stark marode. Laut dem venezolanischen Wirtschaftswissenschaftler Oswaldo Felizzola wurden über 20 Jahre hinweg kaum Investitionen getätigt. US-Analysten schätzen, dass etwa 100 Milliarden US-Dollar in Reparaturen investiert werden müssten.
Das Weiße Haus hat einen Fonds eingerichtet, um die Gelder, die im Ölsektor in Venezuela erwirtschaftet werden, gezielt in den Wiederaufbau der Erdölindustrie zu lenken. Felizzola warnt jedoch, dass der Ölmarkt künftig schrumpfen wird und Venezuela neue Wirtschaftszweige, insbesondere im Bereich erneuerbare Energien, etablieren müsse.
Der demokratische Wandel bleibt aus
Die Enttäuschung über die stagnierende politische Situation ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Viele Venezolaner wünschen sich einen Regierungswechsel, freie Wahlen sowie bessere Löhne und Renten. Nach dem Sturz Maduros war zunächst eine neue Offenheit spürbar, als Rodríguez im Februar 2026 ein Amnestiegesetz verkündete, das die Freilassung politischer Gefangener vorsah. Laut der venezolanischen Menschenrechtsorganisation Foro Penal waren zu diesem Zeitpunkt etwa 860 Menschen inhaftiert.
Allerdings wurde das Amnestiegesetz Ende April 2026 wieder ausgesetzt, mit der Begründung, es habe seine Funktion erfüllt. Derzeit sind laut Foro Penal noch fast 400 politische Gefangene inhaftiert. Die Frage nach Neuwahlen bleibt ungewiss, da Rodríguez Maduro-treue Minister entmachtet und eigene Vertraute eingesetzt hat. Laut der venezolanischen Verfassung müssen innerhalb von 180 Tagen nach der Abwesenheit des Präsidenten Neuwahlen ausgerufen werden, doch ein demokratischer Wandel ist nicht in Sicht, wie die sozialdemokratische Abgeordnete Anaís Plaza betont.
Quellen: deutschlandfunk, tagesschau, BR
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