Die wirtschaftliche Situation in Russland bleibt angespannt. Trotz gestiegener Einnahmen durch höhere Ölpreise, die über den Erwartungen zu Jahresbeginn lagen, kämpft die russische Wirtschaft mit erheblichen Herausforderungen. Die Schulden steigen, während die Wirtschaft stagniert. Selbst Wladimir Putin, der Präsident des Landes, sah sich im April gezwungen, auf die kritische Lage hinzuweisen.
Er räumte ein, dass nicht nur ungünstige Wetterbedingungen für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich seien und forderte die Regierung in einem Treffen auf:
„Ich erwarte heute detaillierte Berichte zur wirtschaftlichen Lage und dazu, warum die makroökonomischen Indikatoren unter den Erwartungen von Experten und auch unter den Prognosen der Regierung und der Zentralbank liegen.“
Wachstumsprognose wird nach unten korrigiert
Obwohl Putin optimistisch schien, als er im Mai erklärte, dass die Maßnahmen der Regierung erste positive Ergebnisse zeigten, bleibt die Realität ernüchternd.
„Wie Wirtschaftsminister Reschetnikow kürzlich berichtete, hat der Konsum im März zugelegt. Der Großhandel wuchs um acht Prozent, der Einzelhandel um rund sechs Prozent,“
so Putin. Dennoch ist die Gesamtwirtschaft im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 0,3 Prozent geschrumpft. Die russische Regierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 von 1,3 auf 0,4 Prozent gesenkt. Bereits im ersten Quartal hat der Staat mehr Schulden gemacht als ursprünglich für das gesamte Jahr eingeplant.
Veränderungen in der wirtschaftlichen Landschaft
Die russische Wirtschaftsgeografin Natalia Subarewitsch beschreibt einen Wandel in der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre.
„Jedes Jahr ändert sich alles. So habe es 2022 einen Rückgang aus verständlichen Gründen gegeben. 2023 dann wieder schnelles Wachstum überall in der Industrie, bei den Löhnen,“
erklärt sie. Für 2024 prognostiziert sie einen weiteren Anstieg der Löhne, während die zivile Industrie schrumpft.
„Jetzt haben wir 2026. Die Gastronomie wird leiden. Wir warten auf Angaben im Sommer. Wir sehen bereits Schließungen und sinkende Umsätze,“
so die Expertin weiter.
Steigende Sparneigung der Bevölkerung
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen dazu, dass viele Menschen in Russland ihre Ausgaben zurückhalten. Eine Studie eines russischen Discounters zeigt, dass 37 Prozent der Konsumenten nun preisbewusster einkaufen, im Vergleich zu 32 Prozent im Vorjahr. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent zum Jahreswechsel könnte ebenfalls zu diesem Trend beigetragen haben.
Die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen betreffen auch die Regionen Russlands, wo vor allem bei Bildung und Gesundheit gespart wird. Dennoch steigt die Schuldenlast weiter an. Der russische Finanzminister Anton Siluanow kündigte an, gegensteuern zu wollen:
„Unsere Aufgabe besteht darin, die Verschuldung der Regionen bei den Privatbanken in Höhe von 18 Milliarden Euro im laufenden Jahr maximal zu senken.“
Einfluss der ukrainischen Angriffe
Zusätzlich wird die russische Wirtschaft durch ukrainische Angriffe auf Ziele im Land belastet. Wirtschaftsexperte Dmitri Nekrassow, der als ausländischer Agent gilt, meint jedoch, dass die Angriffe auf die Öl-Infrastruktur bisher keinen entscheidenden Einfluss auf die Öl-Exporte hatten. Diese stiegen im März und April um zehn Prozent im Vergleich zu Januar und Februar, trotz der schwierigen Bedingungen, die durch Überangebot und Eis im finnischen Meerbusen verursacht wurden.
Sorgen der Unternehmen
Die zunehmenden ukrainischen Angriffe bereiten vielen Unternehmen in Russland Sorgen. Alexander Schochin, der Vorsitzende des russischen Industrie- und Handelsverbandes, berichtet, dass große Unternehmen viel Wert auf den Schutz ihrer Anlagen legen.
„Einige Probleme müssen aber noch gelöst werden. Das betrifft die Beschaffung von Waffen – nicht nur von solchen mit kleinem Kaliber, sondern auch von größeren Waffen. Da geht es um elektronische Kampfführung und Lasersysteme,“
so Schochin.
Ob eine verstärkte Luftabwehr die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft lösen kann, bleibt fraglich. Solange etwa 40 Prozent des Staatshaushalts für Krieg, Rüstung und Sicherheit ausgegeben werden, dürfte eine wirtschaftliche Erholung schwierig sein. Der Finanzminister hat zwar Sparmaßnahmen angekündigt, jedoch nicht im militärischen Bereich.
Jürgen Buch, ARD-Moskau, 03.06.2026 • 08:56 Uhr
Quellen: tagesschau