„Das Land könnte am Ende ohne Brot dastehen“, warnt die Abgeordnete Nina Ostanina.
Die Situation in der russischen Landwirtschaft wird zunehmend angespannt, während die Regierung die Lage beschönigt. Die Getreideernte kommt nur schleppend voran, was auf verschiedene Faktoren zurückzuführen ist. Neben ungünstigen Wetterbedingungen und ukrainischen Angriffen auf Raffinerien ist ein akuter Treibstoffmangel ein zentrales Problem, das die Landwirtschaft und die Logistik belastet. Erste Warnungen vor möglichen Engpässen bei Lebensmitteln werden laut.
Ernteverzögerungen und Treibstoffengpass
Das russische Landwirtschaftsministerium sowie Vize-Regierungschef Alexander Nowak betonen, dass die Versorgungslage stabil sei. Dennoch zeigt sich, dass die Getreideernte in diesem Sommer nur langsam vorankommt. Laut dem Institut für Agrarmarktstudien (IKAR) und der Analysefirma Rusagrotrans waren bis zum 1. Juli lediglich 1,3 bis 1,5 Millionen Hektar gedroschen, was etwa 3 Prozent der geplanten Fläche entspricht und rund ein Drittel dessen ist, was im Vorjahr zu diesem Zeitpunkt bereits eingefahren wurde. Die Ernte liegt damit ein bis zwei Wochen hinter dem üblichen Zeitplan.
Die Verzögerungen sind nicht nur auf den Diesel-Mangel zurückzuführen. Sowohl der IKAR-Chef Dmitry Rylko als auch das Landwirtschaftsministerium führen die Probleme auf ungünstige Wetterbedingungen zurück, die von ungewöhnlicher Kälte bis zu heftigen Regenfällen in wichtigen Anbaugebieten reichen. Der Treibstoffmangel stellt jedoch einen zusätzlichen, verschärfenden Faktor dar.
Ukrainische Angriffe und Rationierungen
Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien haben seit Monaten die Kapazitäten stark eingeschränkt. In mehr als der Hälfte der 83 russischen Regionen wurden mittlerweile Beschränkungen beim Kraftstoffverkauf eingeführt. In mindestens 22 bis 26 Regionen gelten staatliche Rationierungen. Ein Bewohner der Stadt Irkutsk berichtete, dass er über zwölf Stunden warten musste, um lediglich 15 Liter Benzin zu erhalten. Der Gouverneur der Region rief aufgrund der angespannten Lage den Ausnahmezustand aus.
In Belgorod, nahe der ukrainischen Grenze, schilderte ein Anwohner eine 30 Fahrzeuge lange Schlange vor einer Tankstelle. Aus Ufa in der Mitte Russlands wurden mehrere komplett geschlossene Filialen großer Ketten gemeldet. Solche Berichte häufen sich in unabhängigen russischen Medien und zeigen die landesweiten Auswirkungen des Treibstoffmangels.
Lebensmittelversorgung in Gefahr
Der Treibstoffmangel wirkt sich nicht nur auf Privatfahrer und landwirtschaftliche Betriebe aus, sondern greift zunehmend auf die gesamte Lebensmittelversorgungskette über. Laut dem Marktforschungsunternehmen INFOLine zeigen sich in einigen Regionen bereits erste Anzeichen von Engpässen bei wichtigen, verderblichen Waren wie Fleisch, Milch und Eiern. Lebensmittelhersteller warnen Handelsketten vor Lieferverzögerungen, da Lkw-Fahrer aufgrund des Dieselmangels und der Rationierungen nicht wie gewohnt disponieren können.
Speditionen und Fernfahrer berichten von Verdienstausfällen, da lange Wartezeiten an Tankstellen ganze Arbeitstage in Anspruch nehmen. Da die Endverbraucherpreise stark von den Transportkosten abhängen, könnte sich die Krise mittelfristig auch in den Supermarktregalen und auf den Preisschildern bemerkbar machen.
Kritik aus der Politik
Die Kritik an der Regierung wird lauter. Die kommunistische Abgeordnete Nina Ostanina warf der Regierung vor, das wahre Ausmaß der Treibstoffkrise zu verschleiern. Ihrer Darstellung nach ist fast ein Drittel der russischen Raffineriekapazität ausgefallen, ohne dass zuständige Vize-Premiers oder Minister dies öffentlich zugeben. Besonders scharf kritisierte sie das Schweigen des Landwirtschaftsministers und des Vize-Premiers, insbesondere vor Beginn der Ernte.
Präsident Wladimir Putin sah sich gezwungen, in einem Interview einzugestehen, dass die ukrainischen Angriffe „natürlich Probleme schaffen“ und dass ein gewisser Mangel beobachtet werde. Dennoch betonte er, dass die Lage insgesamt „nicht kritisch“ sei.
Auswirkungen auf die Ernteprognosen
Die Auswirkungen auf die Ernte sind bislang unklar und regional unterschiedlich. Während die Analysefirma SovEcon ihre Gesamtprognose für Getreide und Hülsenfrüchte 2026/27 leicht auf 135,2 Millionen Tonnen gesenkt hat, berichten die wichtigsten Weizenregionen Rostow und Krasnodar von deutlich besseren Gerstenerträgen als im vorangegangenen Dürrejahr. Das US-Landwirtschaftsministerium prognostiziert für Weizen 88 Millionen Tonnen, was einen Rückgang von etwa 3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellt, jedoch immer noch die viertgrößte Ernte in der Geschichte Russlands bedeutet.
Die russische Regierung hat unterdessen Exportverbote für Benzin verhängt und erwägt ähnliche Maßnahmen für Diesel. Zudem plant sie, minderwertigen Kraftstoff nach niedrigeren Euro-2- bis Euro-4-Normen wieder zuzulassen, um den Markt zu entlasten, was jedoch Risiken für moderne Fahrzeuge mit sich bringen könnte.
Die Situation könnte sich auch auf die Heizölpreise auswirken, die bereits um bis zu 14 Euro gefallen sind. Zudem gibt es Berichte über eine Rückrufaktion bei Mercedes-Benz aufgrund von Antriebsproblemen bei mehreren Modellen.
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Quellen: n-tv